Texte aus dem Schreibraum

  • Im SchreibRaum entstehen Gedichte, Geschichten, kurze Erzählungen und Textminiaturen und es findet sich immer wieder Staunens- und Hörenswertes dabei

 

  • lesen sie selbst ...

 

 

 

 

Der Hofnarr

© Hermine Schwarzbauer

Wenn es heute noch den Beruf des „Hofnarren“ gäbe, welcher ja früher ein hoch angesehener, aber auch gefährlicher war, dann müsste so ein Narr wahrlich mit allen Wassern gewaschen sein. Sein Betätigungsfeld wäre riesig, ja er wüsste vor lauter Arbeit nicht wo anfangen.

Also nehmen wir mal an, ich wäre so eine „Hofnärrin“. Als erstes würde ich nach Brüssel fahren und anregen, einmal alle Schulden, die sich so schön langsam und immer schneller angehäuft haben, in einer Zahl aufzuschreiben. Könnte diese vielen Nullen überhaupt noch ein Gehirn erfassen und in einem Wort ausdrücken? Nein, ich glaube nicht. Da hätte ich als Hofnarr all diesen Nullen einmal bewusst gemacht, dass es schon unaussprechlich viele Nullen gibt, in welcher Form auch immer … Aber, so würden die Nullen sagen, wir müssen noch mehr Papier mit Nullen bedrucken, damit die Nullen (sprich die Schulden) weniger werden! Da würde ich mich dann nachdenklich am Kopf kratzen und fragen: „Wie soll das gehen?“ Ich bezweifle, ob ich vom „Nullenspielplatz“ eine Antwort bekäme!

Deshalb bin ich doch froh, dass ich nur eine  „Blumennärrin“ bin. Ich stecke meine Nase in die Blüten meiner Lieblingsblumen und denke: So viele Nullen kann ich nicht schreiben, wie Gräser und Blütenblätter und Samen in meinem Garten sind und sich täglich verschwenden. Solche Schätze, - und das alles ohne Schulden machen zu müssen.

Solche Narren, diese Nullen !

***********************

Das Begräbnis von Tante Fini

© Natalie Hantak

Die Nacht vor dem Begräbnis war alles andere als erholsam. Ich wälzte mich lange hin und her und stellte mir die unangenehme, aber unvermeidbare Begegnung mit meiner Cousine vor.  Ich spielte mir in Gedanken verschiedene Varianten durch und  überlegte, wie ich am besten reagieren soll. Ich wusste aber gleichzeitig, dass ich in Wirklichkeit keinen vernünftigen Satz herausbringen würde, und das ließ mich fast verzweifeln. Am liebsten wäre mir, wenn ich noch rechtzeitig vor der Trauerfeier einen Kollaps bekäme und unverzüglich ins Krankenhaus eingeliefert werden würde. Dies schien mir die einzige Möglichkeit, wie ich meine Abwesenheit als Alleinerbin entschuldigen könnte.

Draußen wurde es langsam hell, als ich endlich einschlief. Bald aber holte mich der Wecker in die Realität zurück. So grau wie meine Stimmung war auch der Himmel hinter dem Fenster. Ich musste mich anziehen.  Das lange, schwarze Kleid hing vorbereitet am Schrank und erst als ich reinschlüpfte, merkte ich, dass der Ausschnitt für ein Begräbnis einfach zu tief war. Ich durchwühlte meine Unterwäsche und stellte leicht nervös fest, dass kein einziges Stück sich zum Kaschieren eignete.

Dann fiel mein Blick endlich auf das schwarze Dessous, das ich mir vor Jahren auf einer Dessous-Party meiner Freundin zugelegt hatte. Ein Modell, das mir zwar perfekt stand, aber für den Alltag absolut untauglich war. Und wozu sollte ich solche Reizunterwäsche auch tragen, wenn ich seit Ewigkeiten Single bin? Auf jeden Fall sollte mein Luxus-Dessous an diesem Tag seine Premiere und gleichzeitig auch Dernière feiern, auch wenn mir der Anlass etwas ordinär vorkam. Fini hätte sich deshalb bestimmt nicht im Grab umgedreht, denn sie hatte immer einen Sinn für schrägen Humor, erinnerte ich mich liebevoll an meine Tante. Auch ein Grund, warum sie sich nie mit meiner Cousine Hannelore vertrug. Ich schminkte mich noch dezent und schon läutete der Taxifahrer an meiner Tür.

Es dauerte nicht lange und der gefürchtete Augenblick kam. Meine Cousine stand vor mir, in ihrer ganzen Größe und Breite. Nach kurzem gekünsteltem Lächeln konnte sie sich wie erwartet nicht zurückhalten und fing trotz des gefüllten Verabschiedungsraums mit den Vorwürfen an. Sie hätte sich doch viel mehr um Fini gekümmert, sie war es, die ihr einen guten Platz im Pflegeheim besorgt hat, sie war viel öfter zu Besuch bei ihr. Sie unterstellte mir, ich hätte die Tante beeinflusst, sie überredet, den Notar zu bestellen und das Testament zu meiner Gunsten zu ändern. Ich schaffte es natürlich nicht im Geringsten mich zu wehren und – dann passierte es.

Hannelore kam richtig in Rage, schimpfte, gestikulierte wild und blieb mit der rechten Hand genau an meinem viel zu tiefen Ausschnitt hängen. Schreck! Der dünne Stoff riss bis zur Hüfte auf. Ich erinnere mich nur mehr an die Gesichter der erschrockenen Zuschauer, die dunkelrot angelaufene Cousine und an den netten Mann Mitte Fünfzig, der mir seinen Mantel gereicht hat. Mein sündhaft teures Dessous hat sich auf alle Fälle bezahlt gemacht.

Im Nachhinein denke ich, das alles hat Tante Fini von dort oben organisiert. Das sähe ihr nämlich ähnlich. Und ich bin ihr nicht nur für das kleine, liebe Häuschen dankbar, dass ich von ihr geerbt habe, sondern vor allem dafür, dass sie mich hier nicht alleine gelassen hat.  Der hilfsbereite Mann mit dem warmen Wollmantel heißt nämlich Herbert und liebt mich nicht nur wegen meiner heißen Unterwäsche.

***********************

Gänsehaut-Fragmente

© Sonja Kapaun

Hans und Gans und ja, das kennen wir schon. Hans im Glück, der unbedarfte Lebenskünstler.
Einfach das nehmen, was kommt. Und das dafür geben, was man hat. Ohne Aufrechnen, ohne Kalkül. Dummheit oder Mut? Eine Frage der Haltung.

In der Kälte gehen. Atemwolken zuschauen. Die Klarheit des Tages kaum aushalten. Sehnsucht nach dem Kachelofen im Geborgenheitsland.

Im Augenblick ertrinken. Keine Zeit, keine Hast, kein Zweifel. Geschenk der tintentiefen Vertrautheit. Momentelang.

Das Entsetzen bis an die Haut lassen. Grenzland. Wohliges, erschüttertes Schaudern. Augen wie Krater und das Kissen umarmen. Beim Übertreten der Grenze die Augen fest zukneifen. Abwarten.

Laues Fühlen. Lasches Dasein. Nicht mal eine Gänsehaut kommt zu Besuch. Alles ist dir gleich. Gleich groß, gleich klein. Gleich wichtig, nicht wichtig.

***********************

Ein Sip!

© Angela Schöller

Ja, komisch dieses Wort Sip, Abkürzung für?

Kann heißen:

Sonne im Meer
Schön ist Pisa

Sage ich pip

Sand ist perfekt

Spielen im Park

Stern im Pudel

So ich plappere         
Wie kreativ ist das?

Ich finde das voll cool, was wir hier machen und was aus so einem Wort alles entsteht.

Soße ist pampig
Singe ich Pop
Spiegelbild irritiert Paul

Immer wieder entsteht etwas Neues.

Spritze im Po
Schal ist pink
Spannung im ………  

Liebe Grüße 
Dein Sip

***********************

Flaute

© Gerald Kapaun

Das Meer hatte seine blaue Farbe verloren. Mit hängenden Segeln trieb das Schiff am 5. westlichen Längengrad, den Breitengrad wusste man nicht so genau. Es wird wohl der 14. oder 15.  südliche Breitengrad gewesen sein, in der Nähe der Insel St. Helena. Die Brigg kam aus Kiel, in Norden Deutschlands und wollte nach Trinidad. Der bärtige, fast wie ein Pirat aussehende Kapitän nutzte die seit Tagen anhaltende Flaute um die Segel flicken zu lassen. Der Kapitän war alt und das Meer sein Leben, der Ort seiner Tat und wenn er festen Boden unter den Füssen hatte, wurde ihm schlecht.

Die rothaarige Schiffskatze räkelte sich an Deck und gähnte. Der Himmel war schwarzblau und wirkte so schwer wie Blei. Hier in Äquatornähe gab es keinen Übergang von Tag zu Nacht ,das Meer verschluckte die Sonne rasend schnell und spie die Schwärze der Nacht aus. Es war unerträglich schwül und stickig, das Wasser schmeckte brackig, leicht faulig und verursachte Brechreiz. Die See glich einen blinden Spiegel, so glatt und tot. Das Meer hatte seine blaue Farbe verloren.      

***********************

Gedicht

© Mathias Haunschmidt

Die Katze streift tapsig auf dem Fensterbrett umher.

Im Himmel wird es morgen und die Farben blau.

Ich schaue in die Gärten. Die Apfelbäume erlauben noch Trugschlüsse.

Nacht und Kaffee kräuseln sich in meiner Hand.

Lebendig gewordene Bettgeschichten,

gestern waren sie starr,

heute sind sie frei.

Deine Tätowierung gefällt mir.

Warum schreibst du mir nie?

Ich liebe dich.

Du und deine Elegie.

***********************

Paarweise

© Irmgard Quatember

Innerer Monolog einer älteren Frau

„Zeit im Bild“ ein Abend wie immer. Mein Gott, wie viele Abende meines Lebens hab ich schon so zugebracht! Ich muss den Mann neben mir nicht anschauen um zu wissen, wie er aussieht: verwaschener, grauer Pyjama, ausgebeulte Filzpantoffel, heruntergerutschte Brille, leicht geöffneter Mund. Ungleichmäßiges Schnarchen lässt mich die Botschaften Tarek Leitners nur teilweise verstehen.

Warum hab ich diesen Mann bloß geheiratet? Ja, aus der großen Liebe des Lebens nichts geworden musste ich der Welt vielleicht beweisen, dass ich nicht übrigbleibe? Habe wohl gedacht, dass ich den Eltern Enkeln schulde? Mit den Enkeln ist es auch nichts geworden, die Beziehung war wohl zu steril. Und da sitze ich nun fast ein ganzes Leben lang jeden Abend so da, stumm. Was gäbe es auch zu sagen? Da sind keine gemeinsamen Interessen, ja nicht einmal irgendwelche Interessen. Finanziell ging es mir nicht schlecht, obwohl, wirklich großzügig war er nie. Aufgegangen in der Rolle der Hausfrau verfüge ich über kein eigenes Geld, muss fragen, wenn ich mal eine neue Bluse brauche. Wirkliche Not aber leide ich an dem Mangel an Zärtlichkeit, an innerer Nähe. Dabei weiß ich gar nicht, ob ich jetzt noch in den Arm genommen werden möchte. Ich habe vergessen, wie das ist, ich habe damit abgeschlossen. Oder hab ich einfach Angst, dass da Empfindungen auftauchen, die mir vor Augen führen könnten, was ich in meinem Leben nicht gelebt habe? Besser nicht dran rühren,
besser, die noch restlichen Abende meines Lebens so zubringen.

Und jetzt? Assinger – Millionenshow – laute Stille.

***********************

Sehnsucht

© Ingrid Andres

Zarte Sonnenstrahlen finden den Weg in mein Schlafzimmer.

Der Duft des Frühlings strömt zum Fenster rein.

Lust auf Frisches, Neues, Unberührtes,

Leichtigkeit, Bewegung und Begegnung.

 

Gedanken an dich ziehen mich hinaus

zum rauschenden Wasserfall

in die (glasklare)(nasskalte) Klamm,

an jene Stelle, wo man ganz nah zusammenrückt,

um miteinander den Fall zu erleben.

 

Ich werfe ein Stück Holz ins Wasser

und gehe mit ihm auf die Reise.

***********************

Sonnenaufgang

© Alfred Tiefenbacher

Schwarze Pracht auf süßem Kopf,

manchmal ein Finden im Blick!

Mein Ohr sucht Ihre Stimme, die hört mein Bauch!

Noch ist Nacht mit Mond und Sternen;

Hunde hinter Zäunen bewachen ihre Herden.